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Klima und Corona

Wir haben gemeinsam als Regionalgruppe von S4F ein paar Gedanken zu Klima und Corona zusammengetragen:

Im Zeitraffer – aus der Coronakrise für die Klimakrise lernen

Die Covid-19 Pandemie hat uns in eine Situation katapultiert, die wir uns vor Kurzem so nie hätten vorstellen können: Das Virus breitet sich in rasender Geschwindigkeit um den gesamten Globus aus, das öffentliche Leben ist teilweise zum Stillstand gekommen, die Gesundheits-, Wirtschafts- und Finanzsysteme der Staaten sind extremem Stress ausgesetzt. Während die Jungen weitestgehend vor dem Virus gefeit sind, setzt es den Älteren und gesundheitlich Vorbelasteten umso stärker zu. 

In dieser unübersichtlichen Situation, in der niemand genau vorhersagen kann, was in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten passieren mag, versuchen die Menschen, die Coronakrise einzuordnen. Vor allem werden gerade Parallelen zur Klimakrise gezogen. Doch sind diese zulässig, sind sie überzeugend? Die Philosophen Eric Schliesser und Eric Winsberg bezweifeln das: während die Datenlage beim Coronavirus noch sehr unzureichend ist, Forschungsergebnisse noch nicht streng geprüft sind und Forscher*innen verschiedener Disziplinen noch nicht Zeit genug hatten, sich auszutauschen, ist die Klimaforschung eine reife, multi-disziplinäre und seit langem etablierte Wissenschaft. Beide zu vergleichen sei unzulässig. Auch Bernhard Pötter lehnt in seinem Kommentar Anfang April in der taz diesen Vergleich ab: gegen Corona werde es vielleicht schon in einem Jahr eine Impfung bzw. ein Medikament geben – es gebe jedoch „Keine Impfung gegen CO2“.

Doch was ist mit inhaltlichen Überscheidungen? Volker Quaschning von der HTW Berlin sieht Parallelen bei den Kipppunkten: Sowohl bei Corona als auch beim Klima geltees, die Systeme nicht an Kipppunkte herankommen zu lassen, nach denen das Gesamtsystem sich radikal ändert und sich nicht mehr in seinen vorherigen Zustand zurückversetzen wird. Die radikalen Maßnahmen, die die Regierungen Ihren Bürger*innen zurzeit zumuten, dienen einzig dem Zweck, das Gemeinwesen – insbesondere das Gesundheits- und dann das Wirtschaftssystem – nicht kollabieren zu lassen. Vieles spricht dafür, dass dies bei der Coronakrise im Laufe der nächsten Wochen, Monate und Jahre gelingen wird.  

Exponentielles Wachstum verstehen

Die Zeitskalen, auf denen sich die Corona- und die Klimakrise abspielen, sind sehr unterschiedlich – doch gerade darin liegt die Chance, aus der Coronakrise für die Klimakrise zu lernen: breitet sich das Virus vor unseren Augen innerhalb von Tagen und Wochen exponentiell aus, heizt sich das Klima innerhalb von Jahrzehnten bis Jahrhunderten auf. Marie-Luise Beck schreibt in ihrer DKK-Kolumne „Zur Sache“ zurecht, dass Menschen gewohnt sind, linear zu denken, die physikalischen Parameter jedoch nicht-linear ansteigen. Jetzt in der Coronakrise erfahren wir am eigenen Leib, was nicht-lineares, exponentielles Wachstum ist.  Die zeitliche Entwicklung der Coronakrise zeigt uns die der Klimakrise gleichsam im Zeitraffer. So können wir unser gegenwärtiges Erleben in unserer Vorstellung auf die Klimakrise übertragen. Volker Quaschning weist darauf hin, dass beherztes, schnelles Eingreifen und gute Kommunikation der notwendigen Verhaltensmaßnahmen die exponentielle Ausbreitung des Virus stoppen kann – allerdings unter Aufbietung immenser Summen. Viel weniger Geld müsste dagegen in den Klimaschutz investiert werden – wenn man es nur rechtzeitig, d.h. jetzt, tut.

Ähnliche Lösungen für beide Krisen

Die Anstrengungen zum Klimaschutz und zum Schutz vor Corona stehen dabei nur oberflächlich miteinander in Konkurrenz, wie Stefan Schmitt in der ZEIT analysiert, sondern lassen sich vielmehr miteinander verschränken. Denn die Lösungen für beide Krisen ähneln sich: Sie heißen: nachhaltiges Wirtschaften und Förderung lokaler, regionaler Produktionsprozesse. Was gut ist gegen Corona ist auch gut für das Klima: weniger fliegen, mehr Video-Konferenzen, weniger rauschhafter Konsum, mehr Sorgfalt im Umgang mit lebenswichtigen Ressourcen. Dann werden, nach Marie-Luise Beck, unsere Gesellschaft und unsere Ökologie widerstandsfähiger gegenüber globalen Ereignissen wie Pandemien und Klimaveränderungen sein. 

So richtig es ist, wenn Stefan Schmitt eine nur kurzfristige Einsparung von CO2 durch Corona erwartet und vor einem umso heftigeren Bumerang- Effekt danach warnt. So richtig es auch ist, der Verlockung zu widerstehen vorschnell von einem Gewinn für das Klima durch Corona zu sprechen – so zeigen doch die Bilder vom blauen Himmel über Wuhan, in welche Richtung wir fortschreiten wollen: diesen besseren Zustand der Umwelt, der vor kurzem kaum denkbar war, wollen wir dauerhaft herstellen und erhalten – allerdings nicht durch das fatale Wirken eines blindwütigen Virus, sondern durch kollektive Einsicht, vorausschauendes Planen, das beherzte Ergreifen von geeigneten Maßnahmen und vor allem Solidarität: mit den Ärmsten und sozial Schwachen, die die Corona-Pandemie sowie die Klimakrise am stärksten trifft, und zwischen den Generationen. Wie Volker Quaschning es ausdrückt: in der Coronakrise sind die Jungen solidarisch mit den Älteren – in der Klimakrise die Älteren mit den Jüngeren. 

Zukunftsfähiger Wandel

Daher sollten wir die Coronakrise und die Klimakrise nicht gegeneinander ausspielen, sondern sie als zwei Seiten derselben Medaille betrachten. Die Eindämmung des Virus steht jetzt im Vordergrund – währendwir hartnäckig und besonnen die Klimaziele weiterverfolgen. Anstatt fieberhaft nur daran zu denken, nach der Coronakrise wieder „business as usual“ zu machen und die Wirtschaft wieder „hochzufahren“, lasst uns wagen uns eine Welt mit weniger exponentiellem Wachstum – von Viren, Gütern und CO2 – und ohne soziale Spaltung vorzustellen. Das ist es nämlich, was Eugen Ruge in der ZEIT als das Gemeinsame von Corona, Kapitalismus und Klimawandel analysiert. Eine solche Welt wäre allemal besser vorbereitet auf kommende globale Herausforderungen. Die Energie dafür können wir aus der Kraft, die die gegenwärtige Coronakrise freisetzt, nehmen, rät uns Rebecca Solnit in ihrem Artikel im Guardian. Gerade entwickele sich nämlich ein neues Bewusstsein, wie jede*r von uns mit dem großen Ganzen zusammen- und von ihm abhängt. Dieses Bewusstsein kann uns darin bestärken, sinnvolle Maßnahmen für das Klima zu ergreifen, da wir gerade lernen, dass plötzlicher und tiefgreifender Wandel möglich ist. Lasst uns diese Fähigkeit zum Wandel nutzen, um an einer besseren Zukunft mitzubauen.

Quellen [vom 15/04/2020]:

Beck, Marie-Luise: Kolumne “Zur Sache“: https://www.deutsches-klima-konsortium.de/de/ueber-uns/positionen/kolumne-zur-sache.html?expand=5655&cHash=5bbed97a78f84a8c0513010be5023e31

Pötter, Bernhard: Keine Impfung gegen CO2. Kommentar in der taz vom 1. 4. 2020: https://taz.de/Corona-und-Klimaschutz/!5672802/

Quaschning, Volker: https://www.youtube.com/watch?v=6V-C5q4VxEI

Ruge, Eugen. Unser schicker Kapitalismus mit tödlichem Antlitz. ZEIT online vom 7. April, 2000. https://www.zeit.de/kultur/2020-04/globalisierung-china-coronavirus-eugen-ruge

Schliesser, Eric, & Winsberg, Eric. Climate and coronavirus: the science is not the same. The Statesman. Economy, 23 March 2020 https://www.newstatesman.com/politics/economy/2020/03/climate-coronavirus-science-experts-data-sceptics 

Schmitt, Stefan: Flüchtiger Effekt. ZEIT, Wissen I, 26. März 2020, S. 31: https://www.zeit.de/2020/14/emissionen-corona-krise-klimaschutz-treibhausgase-co2

Solnit, Rebecca. ‘The impossible has already happened’: what coronavirus can teach us about hope. The Guardian, Tue 7 Apr 2020: https://www.theguardian.com

Autor*innen: Regionalgruppe Scientists for Future Osnabrück

Autor:

Kognitionswissenschaften, Universität Osnabrück