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Klimastreik in der Coronazeit, 2021

Wir waren mit einem Infostand beim letzten Klimastreik vertreten und sind bei der Demo mitgelaufen. Unser Mitglied Konrad hat eine kurze Rede gehalten:

Redebeitrag von Konrad Völkel auf dem Klimastreik. Foto: Volker Bajus

Liebe Demonstrant*innen,

Vor etwa 18 Jahren, im März 2003, haben die USA zusammen mit einer Reihe weiterer Staaten den Irak angegriffen, was schließlich zum Sturz Saddam Husseins führte.
Ich weiß noch genau, wie damals, ich muss in der 9ten oder 10ten Klasse gewesen sein, eine Unterrichtsstunde ausgesetzt wurde, damit alle darüber sprechen können, wie sie sich damit fühlen. Die mögliche deutsche Beteiligung war Thema zahlreicher großer Demonstrationen, auf denen auch viele Schüler sich politisiert haben.

Und ich weiß noch, wie ich mich gemeldet habe, um zu sagen
„warum reden wir über einen fernen Krieg, den wir Schüler nicht beeinflussen können, der ohne uns stattfindet, wie viele weitere auch. Warum reden wir nicht über den Klimawandel, der uns real betrifft und unser Leben lang betreffen wird?“
Aber ich erntete nur Schweigen.
Geschwiegen habe ich dann auch, im Glauben dass unsere Institutionen das Problem schon irgendwie lösen werden.

Das war ein großer Fehler!
Hätte ich mich bloß Freitags mit einem Schild vor das Rathaus gesetzt.

18 Jahre später wissen wir es nun also als Gesellschaft besser –
unsere Institutionen sind bisher mit einer Antwort auf die Klimakrise gescheitert,
es ist noch viel zu tun.

Wir demonstrieren heute hier und in der ganzen Welt, um darauf aufmerksam zu machen.
Um klar zu sagen, hier stimmt etwas nicht, so können wir nicht weiter machen.
Unser kollektives Handeln steht im drastischen Widerspruch
zu unseren kollektiven Zielvorstellungen vom Wohlstand und einer lebenswerten Umwelt.

Ich bin Mathematiker und bei Scientists for Future aktiv,
weil das intellektuelle Kapital einer wissenschaftlichen Ausbildung eben auch Kapital ist, und bei uns gilt: Eigentum verpflichtet!
Ich wünschte, dass mehr Menschen daran denken würden.

Die alte Erzählung, mit unserem individuellen Handeln, für das Fahrrad, gegen den motorisierten Individualverkehr, für vegane Ernährung, gegen Massentierhaltung, könnten wir den Klimawandel aufhalten, hat ausgedient.
Meine Eltern haben vielleicht noch geglaubt, dass der Einkauf im Bioladen die Welt rettet, aber ich sehe nur, dass wir keine Zeit haben, auf eine internationale Verzichtsbewegung zu warten.

Im Gegenteil. Wir haben genau dieses Jahrzehnt, bis 2030, Gelegenheit, großes Übel abzuwenden.
Das Absenken der Treibhausgasemissionen muss schnell genug gehen, denn maßgeblich ist nicht die „Deadline 2030“, wo man sich vorstellen könnte „2040 ist auch noch OK“, sondern maßgeblich ist das bis dahin emittierte CO2, Methan und Lachgas.

Wenn wir die Emissionen nicht senken, wird unser Budget in 9 Jahren aufgebraucht sein.
Halten wir das Budget ein, d.h. wir senken die Emissionen schnell genug und emittieren insgesamt nicht mehr als ca. 285 Gt, so bleibt uns eine 2/3-Wahrscheinlichkeit, die 1.5°C nicht zu überschreiten.
Eine 1/3-Chance, die 1.5°C zu überschreiten, das ist kein radikaler Klimaschutz – und doch ist nicht einmal das in Aussicht mit den Maßnahmen der aktuellen Bundesregierung.

Manchmal werde ich gefragt
„aber woher will man das so genau wissen?“
und kann nur sagen, es sind die gleichen Theorien und Methoden, die es uns ermöglichen, Raketen ins All zu schießen, dort Satelliten mit Atomuhren an Bord zu platzieren, damit ich in mein Handy reinsprechen kann „wie weit ist es bis zum Bahnhof“ und darauf eine präzise Antwort bekomme.
Physik und Statistik.
Wir wissen nicht nur genau, wie viel globale Erwärmung die Gigatonne CO2 bringt,
wir wissen auch ziemlich genau, wie genau wir das wissen.

Das ändert sich übrigens jenseits 2° globaler Erwärmung, die wir in weniger als 25 Jahren für nachfolgende Generationen besiegelt haben können. Denn dann verhagelt die große Zahl physikalischer Kipppunkte uns jede Modellrechnung.

Was Unbeherrschbarkeit einer globalen Krise bedeutet, spüren wir langsam. Sorgen wir dafür, dass wir in der Klimakrise nicht in diesen Bereich kommen. Und dafür demonstrieren wir heute.

Autor:

Mathematiker